Das Projekt der Moderne war einst von einem unerschütterlichen Fortschrittsoptimismus geprägt. In Verlust. Ein Grundproblem der Moderne präsentiert Andreas Reckwitz erstaunliche Einsichten zur konfliktträchtigen Rolle des Verlustes in der westlichen Moderne.
Von Jakob Malzahn
Ein Sachbuch, das sich mit Verlusten beschäftigt – hier könnte man schnell dem Verdacht anheimfallen, dass es sich um Ratgeberliteratur handelt. Die wissenschaftliche Nüchternheit des vollständigen Titels Verlust. Ein Grundproblem der Moderne macht aber bereits deutlich, dass es sich um alles andere als Ratgeberliteratur handelt. Thema der neuen Untersuchung des Berliner Soziologen Andreas Reckwitz ist die prekäre Rolle von Verlusten in modernen westlichen Gesellschaften. Das Buch ist im Herbst letzten Jahres bei Suhrkamp erschienen. Tragische Ironie: Der Verlag leidet – verglichen mit der legendären Zeit unter Siegfried Unseld – schon seit geraumer Zeit unter einem erheblichen Prestigeverlust in der deutschen Verlagslandschaft. Möglicherweise trägt Reckwitz‘ anregende wie tiefschürfende Gesellschaftsanalyse dazu bei, diesen Verlust abzumildern.
Warum aber sind Verluste ein Grundproblem der Moderne? Waren sie nicht schon immer eine unangenehme und schmerzhafte Erfahrung? Dies würde Reckwitz nicht abstreiten. Seine These aber ist, dass Verluste erst durch den Fortschrittsglauben der Moderne zu einem gesellschaftlichen Problem würden. Einer der zentralen Bestandteile des Fortschrittsglaubens sei, dass sich mithilfe gesellschaftlicher und technologischer Fortschritte die Anzahl von Verlusterfahrungen reduzieren lasse. Finanzielle Absicherungssysteme, maschinelle Produktion und medizinische Revolutionen – durch diese Entwicklungen hätten in der Tat zahlreiche Formen des Verlustes verhindert oder hinausgezögert werden können.
Verlust als gesellschaftliches Tabu
Jedoch habe sich in den Krisenzeiten von 250 Jahren westlicher Moderne oft genug gezeigt: Die Verlustreduktion gelinge nicht immer. Nicht selten schlage sie in das genaue Gegenteil um. Technologische Fortschritte hätten die Katastrophen des 20. Jahrhunderts in ihrem unbeschreiblichen Ausmaß überhaupt erst möglich gemacht. Vor diesem Hintergrund sei der klassische Fortschrittsglaube oft infrage gestellt worden. Solange aber eine Mehrheit an ihm festhalte, seien es die Verluste selbst, die problematisch und im Extremfall sogar unbegreiflich würden. Aus der Perspektive eines radikalen Fortschrittsglaubens könne kein angemessenes Verständnis für natürliche und menschengemachte Verluste entwickelt werden.
Statusverluste, chronische Krankheiten, Umweltzerstörungen, Inflationen – diese Verluste dürfe es eigentlich gar nicht geben, sie seien im Fortschrittsnarrativ nicht vorgesehen. Doch was passiert mit den Verlusten, die es nicht geben sollte? In der Moderne werde ihnen entweder mit Ratlosigkeit begegnet oder es werde nach Wegen gesucht, sie derart umzudeuten, dass sie nicht mehr als Verluste interpretiert werden. Frei nach der Schlussfolgerung von Morgensterns Palmström: »Weil, so schließt er messerscharf, / nicht sein kann, was nicht sein darf.« Der Grundgedanke vom Widerspruch zwischen Fortschrittsglauben und faktischer Verlusterfahrung ist einfach, aber seine Konsequenzen sind vielfältig und komplex. Reckwitz stellt nachvollziehbar und spannend heraus, welche Umgangsweisen die Moderne mit Verlusten entwickelt.
Moderne Umgangsweisen mit Verlusten
Da Relativierung, Verdrängung oder Umdeutung der Verluste nicht vollständig gelängen, würden in verschiedenen sozialen Bereichen wie der Kunst, Psychotherapie oder Opferpolitik Praktiken der Verlustbearbeitung entwickelt. Diese Praktiken verhinderten bestenfalls, dass ein Trauma oder eine Leerstelle in der individuellen Biographie verbleibe; sie könnten zudem einen sinnhaften und produktiven Umgang mit Verlusten ermöglichen. Indem Verluste auf diese Weise an bestimmte soziale Sektoren delegiert würden, werde erneut sichergestellt, dass das gesamtgesellschaftlich wirkende Fortschrittsnarrativ relativ schadlos bestehen bleibe.
Diese Ausführungen von Reckwitz sind nicht nur lehrreich, sie tragen – und das ist ihre zentrale Leistung – sowohl zur individuellen als auch kollektiven Selbsterkenntnis bei. Warum ist die ganz grundlegende und natürliche Verlusterfahrung des Todes ein Tabuthema in westlichen Gesellschaften? Warum schämen wir uns für Job- und Statusverluste, obwohl wir nur eingeschränkt für sie verantwortlich sind? Wie hängen Verluste mit unserem individuellen Selbstverständnis und mit dem Selbstverständnis von Gemeinschaften zusammen? Und, last but not least, was hat es eigentlich mit der Expansion von Ratgeberliteratur in unseren Zeiten auf sich?
Spätmoderner Mentalitätswandel
Trotz dieser fesselnden und weitgefassten Thematik werden die einzelnen Aspekte methodisch versiert und schlüssig abgehandelt. Die wissenschaftliche Darstellungsweise bringt es mit sich, dass im ersten Teil des Buches ausführliche Begriffsarbeit betrieben wird. Diese ist eher für Fachleute interessant. Um gewinnende Erkenntnisse aus der Lektüre zu ziehen, muss man das Buch aber keineswegs von vorne bis hinten lesen.
Spannend sind vor allem die Teile 2 und 3. Nachdem im ersten Teil der Begriff des Verlustes soziologisch umrissen wurde, widmet sich der zweite Teil dem Hauptthema des Buches, dem widersprüchlichen Verhältnis von Verlust und Fortschrittsnarrativ. Dabei wird unter anderem ausführlich auf die »Trente Glorieuses«, das vorgeblich goldene Zeitalter der Nachkriegs-Moderne zwischen 1945 und 1975, eingegangen. Lesende erfahren hier unter anderem von den gesellschaftspolitischen Leitbildern, unter denen die heute tonangebende Generation der Boomer aufgewachsen ist.

Andreas Reckwitz
Suhrkamp: 2024
463 Seiten, 32€
In Teil 3 wendet sich Reckwitz dann der Zeitspanne zu, die er als Spätmoderne bezeichnet. Es handelt sich um den Zeitraum ab den 70er-Jahren bis heute. Für die allseits geteilte Wahrnehmung einer Polykrise in der Gegenwart verwendet Reckwitz den Begriff »Verlusteskalation«. Diese Gegenwartsdiagnose ist auf bedrückende Weise naheliegend. Interessant und in gewisser Weise tröstend aber ist der Gedanke, dass die aktuelle Eskalation der Verluste nicht allein auf eine Häufung von Verlusterfahrungen zurückzuführen ist, sondern auch mit einem neuen, aufmerksameren Blick auf Verluste zusammenhängt. Dass Verluste in unseren Zeiten öffentlich thematisiert und nicht – wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit – unter den Teppich gekehrt werden, ist ein begrüßenswerter Mentalitätswandel.
Verluste in der Zukunft
Das Problem der aktuellen Verlusthäufung und des absehbaren weiteren Anstiegs von Verlusterfahrungen ist damit freilich noch nicht gelöst. Reckwitz schlägt in einem kurzen Ausblick eine »Reparatur der Moderne« vor. »Nach 250 Jahren wird es Zeit, dass die Moderne erwachsen wird und lernt, klug mit den Verlusten umzugehen«, resümiert er. Wenn man den Fortschrittsgedanken nicht aufgeben oder weiterhin kopflos verteidigen wolle, solle man ihn einer Revision unterziehen und das Vorhandensein von Verlusten in das Fortschrittsnarrativ integrieren; nur so könne ein pragmatischer, fairer und nachhaltiger Umgang mit Verlusten gewährleistet werden.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob westliche Gesellschaften bereit sind, diesen Weg zu gehen, oder ob das destruktive »Verlustunternehmertum« des Populismus weiterhin die Richtung vorgibt. Verlust ist ganz sicher keine populärwissenschaftliche Anleitung zum richtigen Umgang mit Verlusten. Es trägt aber dazu bei, ein tieferes Verständnis von den Problemen unserer Zeit zu bekommen – und damit ist schon einiges gewonnen.